Lokale Politik gefährdet Präventions-Projekt
Uckermark/Casekow/16.01.2025 - Ein mit jahrelangem Vorlauf vorbereitetes Präventions-Projekt des Sexualmedizinischen Instituts der Berliner Charité und der Behindertenhilfe des EJF droht an der öffentlichen Stimmung in einem Brandenburger Landkreis zu scheitern.
Die geplante Wohngruppe „Lebensraum Meilenstein“ außerhalb von Luckow-Petershagen ist konzipiert als Wohn- und Betreuungsangebot für acht Jugendliche mit Intelligenzminderung und sexueller Ansprechbarkeit für das kindliche Körperschema. Die Hälfte der jungen Leute, mit denen das Projekt starten soll, stammt aus der Uckermark, der Rest aus anderen Teilen Brandenburgs. Für sie gibt es aktuell keine fachlich passgenaue Betreuung, aber den gesellschaftlichen Bedarf der Betreuung und Unterbringung. Die Abstimmung mit dem Landkreis zu dem Projekt läuft seit vielen Monaten.
Das EJF verfügt über das fachspezifische Know-How, betreibt seit Jahren Gruppen mit sexualpädagogischem Schwerpunkt für Klienten mit und ohne Behinderung in Berlin und Brandenburg. In der für das Projekt ausgewählten EJF-eigenen Immobilie bei LuckowPetershagen gibt es seit vielen Jahren intensivtherapeutische Wohngruppen für Kinder und Jugendliche. Das Konzept für die neue Wohngruppe wurde 2021 veröffentlicht. Die abgeschiedene Lage des Standorts war dabei ein wichtiger Baustein des Sicherheitskonzepts. Die aktuelle öffentliche Stigmatisierung der Klienten erschwert deren fachliche Versorgung.
Im EJF wird die große öffentliche Empörung, geschürt von Akteur:innen der Lokalpolitik, mit Befremden aufgenommen. Seit Jahrzehnten ist das EJF in der Uckermark ein zuverlässiger Partner von Politik und Verwaltung, unterstützt mit rund 650 Mitarbeitenden in der Region transparent und kooperativ den öffentlichen Versorgungsauftrag.
Zum Profil und Selbstverständnis des EJF gehört, auch jene Personengruppen zu versorgen, für die es noch keine Standardkonzepte gibt, die vorhandene Systeme „sprengen“. Der diakonische Gedanke verbietet, diese Personen nicht optimal zu versorgen, zu betreuen und zu unterstützen. Dass Menschen in der näheren oder weiteren Umgebung einer solchen Unterbringung zunächst besorgt sind, ist verständlich, und das EJF nimmt Sorgen und Bedenken stets sehr ernst. Doch kann es nicht der Weg sein, Ängste und Aufregung zu schüren, wo Information und Verständigung angezeigt wären. Manche der Zielgruppen, die das EJF in seinen Angeboten betreut, wären ohne diese fachliche Begleitung entweder in anderen Einrichtungen, dann aber ohne die entsprechende Expertise, oder ganz ohne Unterstützung. In beiden Fällen sind die gesellschaftlichen Auswirkungen in der Regel ungünstiger.
Aktuell läuft das Betriebserlaubnisverfahren für das neue Angebot. Derweil wurden nicht nur die Klienten bereits vor ihrem Einzug öffentlich bedroht, die Bewohner anderer Wohngruppen werden stigmatisiert, auch die Mitarbeiter:innen des EJF sehen sich Anfeindungen ausgesetzt. Es kann nicht die Lösung für persönliche Bedenken oder politische Absichten sein, so mit Menschen umzugehen, die Hilfe benötigen oder schaffen wollen.
Ein Fachartikel aus dem Jahr 2021 beschreibt das Konzept, die Kooperation von Charité und EJF und erklärt den Bedarf an der geplanten Gruppe (die Gruppengröße ist im aktuellen Konzept kleiner als in dem Artikel angedacht):
Aus der Zusammenfassung: Resultate des Präventionsprojekts für Jugendliche am Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité – Universitätsmedizin Berlin belegen, dass bei Jugendlichen mit sexuellem Interesse am kindlichen Körperschema und einer Intelligenzminderung (IQ < 70) ein potentiell erhöhtes Risiko für sexuellen Kindesmissbrauch besteht. Gleichzeitig gibt es für diese Zielgruppe Versorgungslücken, sowohl im Hinblick auf eine spezialisierte Behandlung als auch bezüglich einer stationären Betreuung. (Sexuologie, Band 28/2021, S. 193 ff.)